Donnerstag, 25. Februar 2021

Warum der Amateurfunk bei Relaisfunkstellen keine digitalen Sprachcodecs benötigt

Ich möchte in kurzen einfachen Worten aufzeigen, warum digitale Sprachübertragungsverfahren im Gegensatz zum Amateurfunk nur im kommerziellen Funk  notwendig sind.

Im kommerziellen Mobilfunknetz und in den Netzen des Behörden- und Industriefunks stehen viele Bedarfsträger und Nutzer einem beschränkten Angebot an genehmigten und koordinierten Frequenzen gegenüber. Die Netze sind verkehrsbeschränkt. Nur der digitale Ausbau gestattet eine Mehrfachnutzung jedes einzelnen Betriebskanals durch Zeit- und/oder Frequenzmultiplexverfahren. Die reine Codierung alleine ist jedoch nicht ausreichend, um den dem Netz angebotenen Verkehr abzuführen. Deshalb muss eine geschickte Frequenzkoordinierung und eine Begrenzung der Ausbreitung jeder Funkzelle durchgeführt werden. Dies geschieht zum einen durch ein gezieltes Absenken der Antennenkeule, zum anderen durch eine aufwändige Berechnung und Implementierung der digitalen Parameter jeder Zelle. Diese Maßnahmen sind so nur in digitalen Netzen möglich. Andererseits haben bereits die Behörden mit Sicherheitsaufgaben festgestellt, dass zum Beispiel längere Latenzzeiten und die Tatsaches des abrupten Abbruchs der Funkkommunikation an den Grenzen der Funkzelle oft nicht hilfreich und für die Auftragserfüllung geradezu schädlich sind.

Im Amateurfunk ist die oben beschriebene Situation geradezu umgekehrt. Hier steht einer relativ kleinen Zahl Funkamateuren ein breites Frequenzspektrum zur Verfügung. Die Funkzelle ist deshalb ausbreitungsbegrenzt. Eine Mehrfachnutzung von Frequenzkanälen ist nicht notwendig. Im Gegensatz zu den begrenzten Zellen im kommerziellen Mobiltelefonnetz sucht der Funkamateur meist eine möglichst große Reichweite seiner Aussendungen. Hier bietet die digitale Codierung insofern Nachteile, als dass der ungestörte Empfang von jetzt auf gleich komplett aussetzt. Eine notwendige Optimierung der Funkstrecke durch Ortsveränderung oder Drehen der Antenne ist so nur erschwert oder gar nicht möglich. Da jede bandbreitenbegrenzte Codierung der Sprache unweigerlich Verluste in der Sprachqualität mit sich bringt, hören sich D-Star und Konsorten zudem weitaus schlechter an, als eine gute analoge FM-Modulation. Der größte Nachteil für den Amateurfunk ergibt sich jedoch durch die Vielfalt der angebotenen, oft properitären Codecs. So schliesst sich der einfache Selbstbau, wie er noch bei analogen Funkgeräten möglich war, meist aus. Um alle angebotenen Signale decodieren zu können, reicht ein einfaches preiswertes Funkgerät nicht aus. Hiermit wird auch der jugendliche Nachwuchs ausgeschlossen. Da, wo im Amateurfunk der Bündeleffekt in Form gemeinschaftlicher freundlicher Runden mit Gleichgesinnten gewünscht wird, schließen dies auch die zahlreichen digitalen Codecs aus. Man verliert sich sozusagen in deren Tiefen der digitalen Welt.

Woran liegt es, dass die Situation im VHF-/UHF- Amateurfunk so ist, wie oben beschrieben? Der Kommerz hat es geschafft, seine eigene properitäre Technik zu platzieren. Dies geschah durch vermeintliche Heilsbringer, manchesmal aus den eigen Reihen der Amateure. Diese erbrachten dem Amateurfunk mit übersubventionierter digitaler Relaistechnik einen Pyrrhussieg. Viele Amateure sehen in der digitalen Sprachcodierung einen Fortschritt, der de facto nicht gegeben ist. Digitale Technik bringt dort Vorteile, wo es sinnvoll ist, sie einzusetzen - bei Relaisstellen im Amateurfunk jedenfalls nicht. 

Über den Author: Wilhelm, DL4KAL, ist seit fast 50 Jahren aktiver Funkamateur. Er hat für eine Behörde kommerzielle Funkanlagen im In- und Ausland geplant, gewartet und aufgebaut. Vor seinem Ruhestand hat der 2G- und 3G- Netze des führenden Mobilfunkanbieters geplant und die Aufbaukontrolle begleitet.

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